Endlich wurde mir ein Gebetbuch, das meine Frau geschickt hatte, ausgehändigt. Darin lag ein kleines Bildchen Ihrer Stifterin, einer Schwester meines Großvaters Hermann Mallinckrodt. Ich drückte ihr den Wunsch aus, dafür zu sorgen, dass ich kommunizieren könne. Ich muss gestehen, dass ich ohne sonderliches Vertrauen auf Erfüllung ihr diese Bitte ausgesprochen bzw. gedacht habe. Es war auch weniger ein Gebet zu einer Seligen, als eine Bitte an eine zwar nicht persönlich bekannte, aber als gut und einflussreich gerühmte Tante, so etwa in dem Sinn: Du könntest eigentlich mal was für Deine Verwandtschaft tun und zeigen, was Du kannst. Am Nachmittag desselben Tages öffnet sich die Tür meiner Zelle, der eintretende Herr in ziemlich wildem Zivilanzug macht sich leise als Pfarrer bekannt, der auf besonderem Wege ausnahmsweise Erlaubnis erhalten habe, mich aufzusuchen und fragt, ob ich kommunizieren wolle, er habe das Sanktissimum bei sich. Er besuchte mich in der folgenden Woche noch zweimal. Dann wurde leider diese schöne Regelung durch amerikanische Flieger zerstört, die mich nur ganz geringfügig, meine Gefängniszelle aber sehr erheblich beschädigten und meine Verlegung in ein anderes Berliner Gefängnis verursachten.

Ich wandte mich sofort, nunmehr schon mit wesentlich größerem Vertrauen und mehr an ihre Gottseligkeit als an verwandtschaftliche Beziehungen denkend, an „Tante Pauline". Wenige Tage darauf erhält meine Frau zum ersten Mal und für mich ganz überraschenderweise „Sprecherlaubnis", d. h. Erlaubnis, mich im Gefängnis — mit Zeugen usw. aber doch persönlich — zu sprechen. Sie bringt mir in einem Brötchen, das sie mir geben kann, in kleiner Lederburse das Allerheiligste mit. In der Folgezeit hat meine Frau mich noch zweimal besuchen dürfen, und ich hatte, dank der Großzügigkeit der kirchlichen Vorschriften, monatelang das Allerheiligste Tag und Nacht bei mir in der Zelle und konnte regelmäßig die hl. Kommunion empfangen.

Ab Mitte Januar machten die Verkehrsverhältnisse einen Besuch meiner Frau in Berlin unmöglich. Als ich anfangen musste, die letzten konsekrierten Hostien, die ich bei mir trug, zu teilen, bat ich erneut Ihre ehrwürdige Stifterin um Hilfe und siehe: Am Tage darauf wurde der sogenannte „Spaziergang", der bisher für sie politischen Gefangenen verboten war, eingeführt, und im Gefängnishof raunte mir bei einer Begegnung im Rundgang ein mir bis dahin unbekannter Mithäftling zu: „Ich bin Pater N.N. und bei der nächsten Runde: „Wollen Sie vielleicht kommunizieren?" Ich nickte. Am Abend bringt ein anderer Häftling, der einige häusliche Arbeiten im Haus verrichtete und daher etwas Bewegungsfreiheit hatte, übrigens ein Kommunist, von jenem Pater das Allerheiligste, und ich erfahre, dass ich es auf diesem Wege vorläufig weiter erhalten könne. ... Ich empfehle mich Ihrem Gebet und verbleibe Ihr aufrichtig ergebener H.L.

(Aus der Chronik der Deutschen Provinz)

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